Bio-Kartoffeln mit Knast-Erfahrung

09.10.2019

Projekt:

JVA lädt ein zum Selberklauben in Obergeisenfelden

Artikel vom 21.09.2019 aus der Südostbayerischen Rundschau von Hannes Höfer (Download):

Bis aus Berchtesgaden fahren Stammkunden bis in den nördlichen Rupertiwinkel, um selbst ihre Kartoffeln zu klauben. Seit 15 Jahren bietet die Justizvollzugsanstalt Lebenau diesen unmittelbaren Kontakt mit der Scholle an. Die Leute kommen in Scharen. Heuer liegt das Kartoffelfeld des Biobetriebes bei Obergeisenfelden an der B 20 zwischen Laufen und Fridolfing.

„Den Menschen Lebensmittel und ihre Entstehung nahebringen.“ Das war die Intention von Peter Forster. Der 56-Jährige ist seit 30 Jahren Betriebsleiter der Justiz-Landwirtschaft in Lebenau. 2004 hat er auf Bio umgestellt. „Es hat Überzeugungsarbeit gebraucht“, erzählt Forster lächelnd, inzwischen aber seien alle Staatsbetriebe angehalten, biologisch zu wirtschaften. Logisch, dass der Biobetrieb auch Mitglied in der Ökomodellregion Waginger See / Rupertiwinkel ist. „Bio-Erlebnis-Tag“ nennt Forster denn auch diese Aktion für Jung und Alt am letzten September-Samstag.

Dabei sind Forster und seine Mitarbeiter auf trockenes Wetter angewiesen. Im Hochwasserjahr 2013 fiel die Ernte komplett aus; ein andermal waren die Knollen durchwegs zu klein geraten. „Sonst aber hat’s immer gepasst“, gibt sich Forster zufrieden, selbst im trockenen Jahr 2018 waren Qualität und Ernte gut. „Es waren 500 Leute da“, erinnert sich der Betriebsleiter an die letzte Aktion. Für die Besucher gibt es einen 12,5-Kilo-Sack zum Auffüllen zum Preis von 11 Euro. „Wir haben dann keine Arbeit mehr damit“, beschreibt Forster einen weiteren Vorteil einer solchen Aktion.

Geerntet wird die Sorte Agria. Als ertragsreich, festkochend, mittelgroß und mit schöner Farbe beschreibt sie Forster, „eine solide Sorte für den Bioanbau.“ Tauchen auf den Feldern Kartoffelkäfer auf, werden sie abgeklaubt. Erst wenn der Schädling überhandnimmt, greift man zu einem biologischen Mittel in Verbindung mit effektiven Mikroorganismen (EM). Auf dem halben Hektar Acker erntet man etwa 350 Doppelzentner. Insgesamt bewirtschaftet die JVA 52 Hektar, davon sind 29 Hektar Ackerland.

Helfende Insassen stehen kurz vor der Entlassung

„Bio lohnt sich, die Erträge passen und der Preis ist gut“, sagt Forster, der den Schritt hin zu Bio nie bereut hat. Er hat eineinhalb Mitarbeiter und sechs bis acht junge Strafgefangene im Betrieb. Die kommen meist in den letzten Monaten ihrer Haft zu ihm, dann wenn sie sich im Knast bewährt und eine „Lockerung“ verdient haben. Sie kümmern sich dort nicht nur um Kartoffelanbau, um Körnermais und Sojabohnen, sondern auch um Getreide und Kleegras. Dieses Kleegras wird an die 14 Mutterkühe und die 41 Mastrinder im Betrieb verfüttert. 110 Legehennen sind ebenso zu versorgen wie die 27 Waldschafe, eine alte bedrohte Nutztierrasse.
Die JVA baut selbstverständlich auch den Laufener Landweizen an, lässt in ihren Feldern sogenannte Lerchenfenster als Brutraum für diese Vögel offen. Die „Justiz-Landwirte“ leisten Pflegearbeiten für die Naturschutzakademie und für das Wasserwirtschaftsamt. Daneben produzieren sie Pappelstecklinge für den Energiewald, Brennholz und Wildfutter für die Jägerschaft.

Selbst in Stöckelschuhen wurde schon geerntet

Der Betriebsleiter hofft auf schönes, trockenes Wetter und darauf, dass Jung und Alt die zuvor herausgerodeten Knollen aufsammeln. So manche entschlossen sich in der Vergangenheit schon recht spontan zu einem Ernteeinsatz. „Ein Pärchen hat uns von der Straße aus gesehen und ist gleich zum Feld gekommen, die Frau in Stöckelschuhen“, erzählt Peter Forster, „am Ende haben sie drei volle Säcke in ihr Cabrio geladen.“

Arbeiten im Gefängnis – das gilt:

Lebenau. Die jungen Burschen müssen arbeiten. Nichtstun und Faulenzen gibt es nicht in der Justizvollzugsanstalt Lebenau. Die Anstalt vor den Toren Laufens bietet den Insassen aber auch etwas: Lernen und Weiterbildung als Basis für ein gelingendes und rechtschaffendes Leben. Es gibt die Kfz-Werkstatt, die Schlosserei, die Schreinerei, den Malerbetrieb, dazu Bau, Elektrik und Installation. Daneben die Grundlehrgänge für Holz, Metall, Schweißen, Farbe und Bau. Und eben Bio-Landwirtschaft.

Für eine komplette Ausbildung reicht in der Regel die Zeit nicht, denn die Strafgefangenen verbringen hier im Schnitt acht Monate. Jene, die sich als zuverlässig erwiesen haben, dürfen in die Landwirtschaft. Meist sind es die letzten drei Monate ihrer Haft. Die Gefangenen müssen hierfür eine Lockerung beantragen, denn sie bewegen sich dort relativ frei im Gelände; eine Flucht über den Zaun wäre jederzeit möglich. Die letzte Flucht gab es vor drei Jahren, erzählt Peter Forster. Zwei mal zwei Gefangene türmten in die Freiheit, wurden aber relativ bald wieder geschnappt.

Ein kräftiger junger Bursche ist mit Holzspalten beschäftigt. Mit einem mächtigen Beil kommt er während des Pressegesprächs zum Betriebsleiter und fragt, ob er es schleifen dürfe. Forster bejaht und rät zu einem geeigneten Schleifwerkzeug. Wenig später kommt ein zweiter, ein eher blasser junger Mann, der mit Rasenmähen beschäftig war. Er schildert wie der Mäher während der Arbeit seltsame Geräusche gemacht habe und schließlich ausgefallen sei. Auf Forsters Anweisung, er solle das Gerät bringen, fragt der junge Mann noch: „Soll ich die ganzen Kleinteile auch aufsammeln?“. Peter Forster schmunzelt und sagt: „Ja“.

Hannes Höfer, Südostbayerische Rundschau vom 21.09.2019