Unkraut kann auch nützlich sein

31.07.2019

Projekt:

Felderbegehung zum Thema „Ackerwildkräuter“

Artikel von Michael Süß, erschienen im Alt-Neuöttinger Anzeiger 23.07.2019

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Burgkirchen. Zu einem „etwas anderen Felderrundgang“ hatte Marlene Berger-Stöckl von der Öko-Modellregion Waginger See-Rupertiwinkel kürzlich auf den Biohof der Familie Remmelberger in Reit bei Burgkirchen eingeladen. Das Thema: „Bunte Vielfalt im Acker“. An diesem Abend sollte sich alles um die Ackerwildkräuter“ drehen.

Obwohl auf dem Hof Remmelbergerviel Platz ist, wurde es schwierig mit der Parkplatzsuche: Etwa 60 Besucher waren gekommen, um sich den Vortrag der Naturschutzberaterin Katharina Schertler von der Biobauern-Naturschutzgesellschaft anzuhören, viele von ihnen selbst Landwirte. Man kannte sich. Andreas Remmelberger sen. begrüßte die Gäste persönlich mit Handschlag.

Marlene Berger-Stöckl bedankte sich bei der Referentin sowie bei den Gastgebern. Weil sich Andreas Remmelberger schon länger an der Öko-Modellregion Waginger See-Rupertiwinkel beteiligt, in deren Einzugsbereich er einige Felder hat, und jetzt auch zu den Initiatoren der Öko-Modellregion Inn-Salzach gehört, hatte sie seinen Hof als Veranstaltungsort gewählt. Andreas Remmelberger jun. stellte kurz den Hof vor, der im 12. Jahrundert zum ersten Mal urkundlich erwähntwurde, seit über 500 Jahren imBesitz der Familie Remmelberger ist und den diese seit etwa 35 Jahren biologisch bewirtschaftet.

Wenn von Ackerwildkräutern die Rede sei, den kemanmeistens an Unkräuter, sagte Naturschutzberaterin Katharina Schertler. „Wir stellen immer wieder fest, dass die anderen Arten relativ unbekannt sind – auch bei Bio-Landwirten.“ Dabei zählten zu den in Deutschland heimischen Ackerwildkräutern etwa 300 Arten. Etwa 100 davon seien vom Aussterben bedroht.

Dafür gebe es mehrere Gründe: Zum einen spielten Veränderungen in der Felderbewirtschaftung und der Wechsel der Kulturpflanzen eine Rolle, denn Ackerwildkräuter hätten sich in der Evolution so angepasst, dass sie nur auf Äckern überleben könnten. Aber auch der übermäßige Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln sei ein Problem für die Pflanzen. Dabei seien nur etwa sechs Prozent der Ackerwildkräuter überhaupt groß genug, um als Unkraut den Ertrag verschlechtern zu können.

„Viele Bio-Landwirte haben bei der Umstellung Angst vor Unkraut. Aber die Ackerwildkräuter können sogar hilfreich sein,“ sagte Katharian Schertler. So würden die Kräuter zumBeispiel viel über die Beschaffenheit der Böden aussagen: Die Acker-Hundskamille würde zum Beispiel bevorzugt auf sauren, sandigen Böden wachsen, die echte Kamille und der Acker-Frauenmantel dagegen auf lehmigen Böden. Der Venus- Frauenspiegel zeige kalkhaltige Böden an.

Schäden, die man dem Ökosystem auf den Feldern zufüge, hätten außerdem oft weitreichende Folgen. Schwebfliegen etwa bräuchten die Kamille. Die Larven der Schwebfliegen seien die wichtigsten Blattlausräuber. Wenn man also Unkrautvernichtungsmittel gegen die Kamille spritze, müsse man bald auch  Insektenvernichtungsmittel gegen die Blattläuse spritzen. Ein Teufelskreis. Zudemseien die Ackerwildkräuter eine wichtige Nahrungsquelle für Bestäuber,wie zumBeispiel Bienen. Und ohne diese, würde auch das Getreide nicht mehr wachsen.

Doch was kann der einzelne Landwirt tun, um die Ackerwildkräuter zu fördern? „Einfach mal einen Streifen stehen lassen, am Feldrand oder dort, wo es nicht ganz gerade ist, wo man ohnehin schlecht hinkommt.“ Dann könnten die Pflanzen blühen. Auch eine geringere Aussaatdichte sei sinnvoll, sowie der Verzicht auf das Spritzen oder Striegeln. Aber  die ökologische Bewirtschaftung  an sich sei schon ein Fortschritt: „Auf Böden, die seit mehreren Jahrzehnten ökologisch bewirtschaftetwerden, kommen fast immer die Ackerwildkräuter zurück“, sagt Schertler. Bei allen langjährigen Bio-Landwirten in der Region habe man jeweils über 30 verschiedene Arten auf den Feldern gefunden.

Im Anschluss bewirtete Andreas Remmelberger seine Gäste mit Burgern, deren Zutaten, vom Rindfleisch bis zur Gurkenscheibe, ausschließlich von Bio-Betrieben aus der Region stammten. Dazu gab es Bio-Bier, das aus seinereigenen Gerste gebraut worden war.