Einen eigenen Weg gefunden

Biobauer Sebastian Kettenberger aus Törring (35) setzt auf viel Platz für seine Tiere und Direktvermarktung

Projekt: Biodirektvermarktung , Biofleisch , Öffentlichkeitsarbeit

Besonders fasziniert ist Bio-Bauer Sebastian Kettenberger von seinen Kelly-Bronze-Puten.

Besonders fasziniert ist Bio-Bauer Sebastian Kettenberger von seinen Kelly-Bronze-Puten.
© Daniel Delang

Törring. Lange hat Sebastian Kettenberger (35) überhaupt nicht daran gedacht, Landwirt zu werden. Und das, obwohl er auf einem Traditions-Betrieb nahe Kay aufwächst, dessen Geschichte bis ins 16. Jahrhundert reicht. Erst auf der Fachoberschule ändert sich seine Meinung, er studiert Landwirtschaft statt Bio-Informatik und übernimmt den Hof der Eltern vor ziemlich genau zehn Jahren. Heute ist er überzeugter Verfechter der kleinstrukturierten Landwirtschaft, engagiert sich für eine bessere Vermarktung der regionalen Bio-Produkte und legt Wert auf eine Tierhaltung, die über Bio-Standards hinaus geht.

„Durch Praktika habe ich gemerkt: Nein, in einem Büro sehe ich mich sicher nicht“, sagt Kettenberger und lacht. Bei drei älteren Geschwistern war für ihn eine Hofübernahme dennoch lange überhaupt kein Thema. „Meine Geschwister orientierten sich aber alle in andere Richtungen, und ich konnte der Landwirtschaft immer mehr abgewinnen.“ Draußen an der frischen Luft und in der Natur zu sein, für sich selbst und nach eigenen Vorstellungen arbeiten zu können: „Das ist ein riesiges Privileg, so sehe ich das heute“, sagt Kettenberger.

Hofübernahme: Vater hatte Bedenken

Als es langsam ernst wird, die Hofübergabe im Raum steht, spricht er mit seinen Eltern über die Situation. „Mein Vater hat mir, ehrlich gesagt, erst davon abgeraten. Aber als die Entscheidung fiel, glaube ich, hat er sich schon sehr gefreut, dass es weitergeht.“ Die Bedenken des Vaters gründeten damals auf die eher düsteren Aussichten – gerade für die Milchwirtschaft, und darauf war der Hof damals noch verstärkt fokussiert.
Sebastian Kettenberger übernahm dennoch, änderte aber die Strategie. „Ich wusste, ich muss weg von der Milch. Um überleben zu können, hätte ich früher oder später vergrößern müssen. Und das wollte ich nicht.“

Nun steht das Geflügel im Mittelpunkt. Aktuell sind auf dem Hof zwischen 700 und 800 Masthähnchen, etwa 150 Puten, ähnlich viele Legehennen, zwei Zuchtschweine, 30 Mastrinder und nur noch zwei Milchkühe für die Aufzucht. Und auch wenn sich das für den Laien viel anhören mag, was die Tiere auf dem Kettenberger-Hof definitiv haben, ist eines: Platz. Viel Platz. Denn für Kettenberger ist Tierwohl nicht nur eine ethische, moralische Frage. Er sieht das ganz pragmatisch, quasi als Win-Win-Situation: „Wenn es den Tieren gut geht, sie ihren Freiraum haben, sich möglichst wohlfühlen, Zugang zur frischen Luft oder Licht haben und sich auch zwischendurch auf der Wiese selbst etwas zu Fressen suchen können, statt immer nur das zu bekommen, was ich ihnen vorsetze, ist das nur gut für mich“, sagt er. Der Effekt: Die Tiere sind gesünder, Tierarztkosten fallen fast gänzlich weg, der Qualität des Fleischs ist es anzumerken, und: „Sie wachsen schneller. Das hört sich blöd an, ist aber wirklich so“, sagt Kettenberger. Für den Endverbraucher schlägt sich der räumliche Luxus nicht im Preis nieder: „Nein, das ist etwas, das wir uns leisten. Leisten ist eigentlich auch der falsche Begriff, weil wir uns dadurch ja oft Tierarztkosten sparen und auch so gut wie keine Tierverluste haben“, erklärt er.

Wenn es um die Zukunft der Landwirtschaft geht, sprudelt es aus dem Jungbauern heraus: „Wir leben hier noch im gelobten Land, aber müssen auf jeden Fall etwas unternehmen, damit der Strukturwandel, einige nennen es ,Höfesterben’, aufgehalten wird.“ Er habe bei einem Besuch in Thüringen selbst gesehen, worauf es im Extremfall hinauslaufen kann: „Es gab in der Ortschaft, wo ich war, nur einen einzigen, riesigen Betrieb mit 800 Milchkühen auf 200 Hektar. Im 24-Stunden-Karussell werden die Kühe im Schichtbetrieb abgemolken. Der Betrieb hat eine eigene Metzgerei, eine eigene Tankstelle für die Milchwagen, das kann man sich kaum vorstellen.“ Später habe er den Ortskern besucht: „Da gab es nichts mehr, einen kleinen Tante-Emma-Laden, aber ich hab keine Handwerker mehr gesehen, Zimmerer, Maurer, Mechaniker, Mühlen, da war gar nichts mehr.“ Stirbt die kleinstrukturierte Landwirtschaft aus, werden das auch die heimischen kleinen Handwerks-Betriebe schmerzlich merken, das steht für Kettenberger fest. Auch was den Klimawandel angeht, ist er überzeugt, dass der Weg nur über kleine Höfe geht, „die dann kreativ und maßgeschneidert auf Probleme nachhaltig reagieren müssen, um überhaupt noch wirtschaften zu können“.

Auch um dem Strukturwandel entgegenzuwirken und den regionalen Bio-Höfen bei der Vermarktung ihrer Produkte zu unterstützen, hat Kettenberger mit der Ökomodellregion um Marlene Berger-Stöckl und einigen Mitstreitern den Verein „Ökogenuss Waginger See“ aus der Taufe gehoben. Bald soll die Webseite dafür online gehen, quasi als digitale Bestell- und Lieferplattform für eine regionale Ökokiste. „Wir möchten definitiv keine Konkurrenz zu den heimischen Hofläden sein, sondern den Vertrieb ihrer Produkte noch weiter fördern, damit sie unter die Leute kommen“, sagt Kettenberger, der in dem Verein als Vorsitzender agiert.

Stadtrat und Tischtennisspieler

Wenn er nicht gerade im Stall steht, dabei gerne Radio und Podcasts hört, den Hofladen bestückt oder auf dem Tittmoninger Wochenmarkt seine Produkte anbietet, spielt er Tischtennis beim SV Kay und ist kommunalpolitisch aktiv. Seit einem Jahr sitzt er für die Öko-Liste im Stadtrat von Tittmoning. „Ich wurde gefragt, ob ich mir das vorstellen kann. Dann habe ich mich auf die Liste setzen lassen, ohne wirklich zu glauben, überhaupt gewählt zu werden“, sagt Kettenberger. Doch mittlerweile ist er „angefixt“: Vor allem die Gemeinwohlökonomie liegt ihm am Herzen, er möchte diese nach Vorbild von Kirchanschöring auch in Tittmoning etablieren. „Das ist ein Thema, das brennt mir auf der Seele und ich sehe darin enormes Potenzial. Deshalb möchte ich dazu gerne meinen Teil beitragen.“

Artikel von Ralf Enzensberger aus der Südostbayerischen Rundschau, 20.03.2021

Ein Artikel aus der Reihe „Bio in Serie“
30 Prozent Biolandbau - das ist seit 2019 ein gesetzlich festgelegtes Ziel der Bayerischen Staatsregierung. Die 27 Ökomodellregionen auf einem Viertel der bayerischen Gemeindefläche sind dafür ein wichtiges Instrument. In loser Folge stellen wir Betriebe aus der Ökomodellregion Waginger See – Rupertiwinkel vor, die sich bereits auf den Weg gemacht haben und sich für eine besonders nachhaltige Wirtschaftsweise einsetzen. Die erste bayerische Modellregion zeichnet sich laut eigener Aussage durch vielfältige Netzwerke für mehr Bioanbau und -verarbeitung aus, verfolgt aber auch gemeinsame ökologische Projekte mit allen Landwirten und den Gemeinden.
Mehr Infos dazu gibt es unter www.oekomodellregionen.bayern.

25.03.2021

Region: Waginger See - Rupertiwinkel