Ökologische Weidehaltung sorgt für Artenvielfalt

Föicha - Flanzn – Heimat

Projekt: MehrWertSchöpfung durch Fleischgenuss aus Weidehaltung

Hier steht die Gruppe an einer Weide am Waldrand und wartet auf die ersten Fledermäuse.

Hier steht die Gruppe an einer Weide am Waldrand und wartet auf die ersten Fledermäuse.
© Barbara Ströll

Wie die Rinder von Schmidtstädter Bio-Bauern, dafür sorgen, dass sich eine große Vielfalt an Insekten entwickeln kann, wie Fledermäuse davon leben und was das alles mit Natura2000, dem größten Naturschutzprojekt der Welt, zu tun hat, darum geht es an diesem Abend.

16 Teilnehmer sind zum Fledermaus-Abend der Öko-Modellregion auf den Jurahof nach Schmidtstadt gekommen. Über der Gruppe kreisen unzählige Mehlschwalben, die in der Abendsonne nach Insekten jagen. Landschaftsarchitektin Marianne Badura und Gebietsbetreuer Rudolf Leitl erklären den Besuchern zunächst das Natura2000-Konzept:

Natura2000-Schutzgebiete
In allen Ländern der Europäischen Union wurden Natura2000-Schutzgebiete ausgewiesen. Jedes Land musste mindestens 10% seiner Fläche für dieses europäische Schutzgebietssystem zur Verfügung stellen. Die Schutzgebiete enthalten Lebensräume und seltene Arten, die von besonderer Bedeutung für die Artenvielfalt in Europa sind. Welche Lebensräume und welche Arten für Natura2000 zu schützen sind, werden mit der Vogelschutzrichtlinie (VS-RL) und der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-RL) beschrieben. Die Natura2000-Gebiete bei Schmidtstadt gehören zu den „Wäldern im Oberpfälzer Jura“, den „Höhlen der nördlichen Frankenalb“ und den „Mausohrwochenstuben im Oberpfälzer Jura“. Neben seltenen Fledermausarten findet man dort weitere FFH-Arten wie zum Beispiel den Kammmolch und den Frauenschuh. Zu den typischen FFH-Lebensräumen der Gegend gehören unter anderem Kalkbuchenwälder und Kalktrockenrasen. Weitere Informationen zu Natura2000 findet man unter www.ganz-meine-natur.de

Fledermäuse und Fauna-Flora-Habitat
„Föicha - Flanzn – Heimat“, so könne man Fauna-Flora-Habitat für die Oberpfalz übersetzen, erläutert Rudi Leitl. Zu den „FFH-Föichern“ gehören auch einige der Fledermaus-Arten. Fledermäuse sind anspruchsvolle Lebewesen. Sie brauchen einen Ort, an dem sie im Sommer in Ruhe ihre Jungen zur Welt bringen können – die Wochenstube - und dazu eine vielfältige Landschaft, mit großer Insektenvielfalt - ihre Nahrung. Der Fledermaus-Spezialist Leitl weiß erstaunliche Geschichten zu erzählen über Fledermäuse - vom Liebesleben über das Nahrungsspektrum bis zum “eingebauten GPS“.
Das Große Mausohr gehört zu den FFH-Arten, die bei Schmidtstadt leben. In der Mausohr- Wochenstube auf dem Dachboden der Evangelischen Kirche in Neukirchen, kommen im Sommer gut 1.000 Tiere zusammen. Die Mütter jagen nachts im Umkreis von bis zu 25 km vor allem in Buchenwälder nach Insekten. Ende August fliegen dann auch die Jungen mit auf die Jagd. Rudi Leitl vermutet, dass inzwischen auch einige Große Hufeisennasen um Schmidtstadt auf Insektenjagd fliegen, die aus dem Fledermaushaus Hohenburg stammen. Auch diese ist eine FFH-Art und extrem selten: Im Fledermaushaus in Hohenburg ist die einzige bekannte Wochenstube der Großen Hofeisennase in ganz Deutschland. Im Winter 2013 hat man erstmals eine Hufeisennase in einer Höhle bei Schmidtstadt entdeckt. Im letzten Winter waren es schon 11 Tiere. „Ich denke, dass die „Hufis“ die Höhleneingänge auf ihren Jagdflügen entdecken, dann mal dort übertagen und schließlich entscheiden, dort auch ihre Winterruhe zu verbringen.“ meint Leitl.
Er vermutet, dass die ökologische Weidetierhaltung um Schmidstadt dort der Hauptgrund für das Vorkommen der Hufeisennasen ist. Seit 26 Jahren hält Biobauer Klaus Hofmann eine Mutterkuhherde auf dem Jurahof. Für seine 60 bis 70 Tiere bewirtschaftet er ca. 30 Hektar Wiesen und Weiden. „In den Kuhfladen auf der Weide, entwickeln sich die Larven der sogenannten „Dungkäfer“. Von diesen großen, nahrhaften Käfern ernähren sich die Hufeisennasen bevorzugt.“ weiß Rudi Leitl und stellt fest: „Die können sich nicht in den Güllegruben entwickeln.“ Der Fledermausfreund erzählt, dass ab den 70er Jahren, die Insektenvielfalt so stark abnahm, dass in der Folge auch die Zahl der Vögel und Fledermäuse zurückging. Einige Arten seien ganz aus unserer Landschaft verschwunden. Hauptursache sei der Pestizideinsatzes seit Mitte der 50er Jahre gewesen. Dazu kam, dass ab den 70er Jahren die Weidehaltung zurückging. Damals hätten viele kleine Bauern aufgehört mit der Rinderhaltung. Gleichzeitig hätten viele Milchbauern auf Stallhaltung umgestellt.
Zum Sonnenuntergang führt Klaus Hofmann die Besuchergruppe zur Weide seiner Rinderherde. Rudi Leitl lauscht mit Hilfe zweier Bat-Detektoren auf die Rufe von Fledermäusen. Die Detektoren machen die Ultraschall-Rufe der Fledermäuse für den Menschen hörbar. Unterwegs kann er immer wieder Zwergfledermäuse orten, die am Waldrand jagen. Im Buchenwald lässt der Bat-Detektor sehr leise Rufe von Myotis-Fledermäusen hören, zu denen auch das Große Mausohr gehört.
Während die Gruppe an der Rinderweide ankommt, ist dort eine jagende Rauhautfledermaus zu hören. „Eine Wanderfledermaus, die hier vermutlich auf dem Durchzug ist.“ erklärt Rudi Leitl. Die meisten Fledermäuse jagen über der Rinderherde nach Insekten: Breitflügelfledermaus, Zwergfledermäuse und Myotis-Arten (hier: Bart- oder Brandtfledermäuse). Die Breitflügelfledermaus erkennt Rudi Leitl mit dem Bat-Detektor an ploppenden Rufen bei etwa 27 kHz. Sie ist eine typische Art über Weideflächen.
Nirgendwo sind an diesem Abend die leisen Rufe der Große Hufeisennase zu hören. „Die Hufis haben vermutlich einen Bogen um die Menschenhorde gemacht.“ meint Leitl. Jedenfalls ist die Höhle bei Schmidtstadt mit ihren 11 Hufeisennasen das bisher größte
Winterquartier, das fernab von der Hohenburger Wochenstube gefunden wurde. Rudi Leitl hofft auf eine gute Zukunft für die Großen Hufeisennasen bei Schmidtstadt „Wenn diese „Hufis“ hier auch noch ein geeignetes Sommerquartier in einem ruhigen warmen Dachboden finden würden, könnte sich hier vielleicht eine weitere Wochenstube bilden. Das wäre sozusagen die Krönung für die Pioniere der ökologischen Weidetierhaltung in Schmidtstadt.“

Landwirtschaft und Natura2000
Für die Landwirte in Schmidtstadt ergeben sich durch die FFH-Gebiete keine Nachteile. Grundsätzlich ist es so, dass sich landwirtschaftlich genutzte FFH-Lebensräume bzgl. ihrer Artenvielfalt nicht verschlechtern dürfen. Das heißt, dass die bisherige Nutzung der FFH-Fläche, zum Beispiel einer artenreichen Mähwiese, mindestens fortgesetzt werden muss. Dafür kann der Landwirt dann Fördergelder beispielsweise über das Vertragsnaturschutzprogramm (VNP) beantragen. Rudi Leitl weist darauf hin, dass es besonders für die Große Hufeisennase wichtig ist, dass die Rinder keine Antiparasitenmittel verabreicht bekommen, da sich sonst in den Kuhfladen keine Käferlarven entwickeln können.

Bio-Dorf Schmidtstadt
Klaus Hofmann war 1994 der erste Biobauer in Schmidtstadt. Seit dem Juli 2020 ist Schmidtstadt ein Bio-Dorf: alle landwirtschaftlichen Betriebe wirtschaften nun nach den Richtlinien des Ökologischen Landbaus. Zwei weitere Bio-Betriebe halten Rinder zur Milcherzeugung: Familie Meier-Pirner und Familie Appel. Insgesamt leben in Schmidtstadt aktuell 150 Rinder und ca. 80 Kalbinnen und Jungbullen. Alle dürfen auf Weiden grasen. Gute Aussichten für Insekten, Fledermäuse, die Landwirtschaft und Natura 2000 rund um Schmidtstadt.

Artenvielfalt Fledermäuse
In Bayern gibt es 25 Fledermausarten. 20 Fledermausarten sind auch im Lauterachtal bei Hohenburg zu finden. Die häufigsten Fledermausarten im Oberpfälzer Jura sind: Zwergfledermaus, Großes Mausohr und Bartfledermaus.

Barbara Ströll.

07.09.2020

Region: Amberg-Sulzbach und Stadt Amberg