Pilze – Autobahnen und Internet im naturnahen Garten

Projekt: Biodiversität: Vielfalt schützen und bewahren

Der Karbol-Egerlinge riecht nach Desinfektionsmittel
© A. Zaghdoudi/Copyright

Peter Kottas aus Töging hat einen besonderen Garten. Heimische Bäume und Insekten anpflanzen war ihm beim Anlegen des Gartens wichtig. Doch das Hauptaugenmerk liegt auf der Schaffung von Lebensräumen für Pilze. Am besten so, dass sich eine möglichst große Vielfalt an Pilzen bei ihm „wohlfühlt“. „Vielfalt“, das ist auch der Motor der Öko-Modellregionen. Bei einer Führung durch seinen naturnahen Garten zeigt Peter, ehemaliger Pilzberater am Landratsamt Altötting, was Pilze alles können, wie sie seinen naturnahen Garten „rund“ machen – und warum es sich lohnt sie anzulocken. Egal, ob sie versteckt im Holz leben oder in Form eines Fruchtkörpers sichtbar werden.

Der Pilz - ein Superorganismus
Pilzen wird im Zusammenhang mit dem eigenen Garten in der Regel wenig Beachtung geschenkt. Dabei sind sie gute Freude unserer Gartenpflanzen und wahre Gartenhelfer. Sie bestehen aus einem sichtbaren Fruchtkörper und aus einem im Boden versteckten riesigem Wurzelnetz, dem „Mycel“. Das Mycel bildet den größten Teil des Pilzes. Dahinter steht ein großes Tauschgeschäft. Pilze ernähren sich von abgestorbenem Naturmaterial. Wie kein anderer Organismus können sie schwer Zersetzbares, wie z.B. Baumstümpfe und Insektenpanzer, zersetzen. Erst danach können Bakterien mit der Arbeit loslegen. Sie verdauen die Bausteine weiter. Weiter geht es mit dem Regenwurm, der die diese Bausteine wiederum pflanzenverfügbar macht. So geben Pilze der Natur Leben zurück. D.h. durch Pilze ist das Netz des Lebens miteinander verbunden.
Pilze bieten ein riesiges Netzwerk, das alles transportiert, was eine Pflanze braucht. Mit ihrem Mycel-Netzwerk umschließen sie die Wurzeln lebender Pflanzen und liefern ihnen Wasser und Mineralien, im Austausch gegen Zucker. Mineralien brauchen Pflanzen u.a. für ihr Abwehrsystem – win win win! Das hilft dem Pilz, der Pflanze und dem Gärtner, seine Pflanzen zu stärken und Pflanzenschutzmittel zu vermeiden bzw., im besten Fall, auf sie zu verzichten. Pilze dienen auch als Informationsautobahn, die Pflanzen kommunizieren lassen – so zu sagen das Internet der Pflanzen.
Wenn sich alle wohl fühlen, Pflanzen, Tiere und Pilze, stellt sich im Garten ein gesundes Gleichgewicht ein. Das bedeutet wenig Arbeit für den Gärtner und viel Freude an kräftigen Pflanzen. Dann fühlt sich auch der Gärtner wohl. Mithilfe von Pilze kann Peter seinen Garten ganz ohne Kunstdünger und chemischen Pflanzenschutz bewirtschaften. So findet man in seinem Garten diesen Spätsommer Steinpilze, Bovisten, Karbol-Egerlinge (riechen nach Krankenhaus) und sogar Trüffel (einfach nur Trüffel)!

Pilzen in den Garten locken – wie funktioniert das?
Egal ob der Garten groß oder klein ist, es gibt verschiedene Wege, um Pilze anzulocken. Ein Haufen alter Äste in einem Garteneck oder im Garten verteilte Baumstämme eignen sich gut. Laut Peter kommen die Pilze „ganz von alleine.“
Wer, so wie Peter, etwas mehr Platz im Garten hat, kann verschiedene Nadelbäume in einer Gruppe anpflanzen. Die Mischung der Nadelbäume macht den Unterschied. Für den Pilz ist es wichtig, dass verschiedene Nadelbäume gruppiert sind, die Sorten der Nadelbäume sind für den Pilz erstmal nicht wesentlich.
Einer von Peters Pilz-Hotspots besteht aus einem Haufen Asche (aus seinem Holzofen) und Sägemehl. Direkt neben den Asche-Sägemehlhaufen hat er pflanzlichen Küchenabfällen abgelegt. Auch hier hat er ein wild abgelegenen Garteneck ausgewählt. Hier werden Pilze angelockt, die z.B. nach einem Waldbrand kommen würden. Diese sind echte Raritäten und, aufgrund (zum Glück) fehlender Feuerstellen und ausbleibender Brände, sehr selten geworden. Auch hier ist Peter wichtig, die Vielfalt zu fördern und bewahren.

Was ist sonst noch im Garten von Peter los?
Peters Freunde sind Imker und haben fünf ihrer Bienenstöcke unter seinem Apfelbaum aufgestellt. „Die Bienen, fördern, durch ihre Bestäubung, meine reiche Apfelernte und es gibt im Jahr bis zu ca. 30 Gläser Honig (pro Stock!). Peter erzählt, dass er einen Teil der Ernte behalten kann und der eigene Honig einfach unübertreffbar ist.
Ein weiterer guter Freund von Peter ist Waldbesitzer. Er kämpft, wie fast alle Waldbesitzer, mit dem Fichtensterben, welches durch den Klimawandel und den Borkenkäfer voranschreitet. Der „Wald im ist im Wandel. So wie Monotonie im Garten bringt auch die Monokultur Fichte viele Probleme mit sich. Ich unterstütze meinen Freund dabei, seinen Wald zum Mischwald umzuwandeln“. Dazu zieht Peter, aus den Früchten seiner Eberesche Jungpflanzen. „Das gelingt sehr gut in alten Eierschachteln, die ich als „Blumentopf“ nutze.“ Seine Jungpflanzen schenkt er seinem Freund, der diese im Wald einpflanzt.

Verantwortungsvoller Genuss
Peter empfiehlt Pilze im Garten einfach stehen zu lassen. Wenn man sie ungestört stehen lässt, kann man ihr Wachstum, ihre Formen und Farben bewundern. Doch am wichtigsten ist, dass sie sich vermehren können. Denn viele Arten sind vom Aussterben bedroht.
Beim Erkennen von Pilzen hat Peter viel Erfahrung. Er verwendet Speisepilze gerne in seiner Küche. „Die harten ungenießbaren Stängel vom Parasol trockne ich im Dörrgerät und mahle sie zu einem Pilzpulver. Dieses nutze ich, um meinen Gerichten einen wohl duftenden tollen Pilzgeschmack zu verleihen. Aber bitte: Pilze nur essen, wenn man sich ganz sicher ist. Man sollte auch bei Personen, die angeben alle Pilze zu kennen, kritisch bleiben.“
Ist man sich bei einem Pilz nicht ganz sicher, steht Pilzberater Thomas Glaser aus Töging am Inn oder einer der Pilzsachverständigen der DGfM (Deutsche Gesellschaft für Mykologie e.V.) als Ansprechpartner zur Verfügung.

Pilzberatung Thomas Glaser aus Töging am Inn
Haus: 08631/95790
Mobil: 01520/2583173

22.09.2020

Region: Inn-Salzach