Vom Heavy-Metal-Rocker zum Landwirt mit Öko-Praxis

Stefan Rehrl legte in der Öko-Akademie in Kringell die Prüfung ab – einziger Absolvent aus dem Berchtesgadener Land

Projekt: Biodirektvermarktung , Biofleisch , Öffentlichkeitsarbeit

Stefan Rehrl auf der Weide des elterlichen Hofes in Kemating.
© Karin Kleinert

Eine der Möglichkeiten, sich speziell in der ökologischen Wirtschaftsweise aus- beziehungsweise weiterzubilden, ist die Akademie für Ökologischen Landbau Kringell im Passauer Land. Aus dem hiesigen Landkreis sind dort kaum Interessenten anzutreffen. Einer, der in Kringell die Ausbildung zum Landwirt mit Öko-Praxis in diesem Sommer erfolgreich abgeschlossen hat, ist Stefan Rehrl aus der Gemeinde Saaldorf-Surheim. Wie es ihm dort erging, was er alles auf sich genommen hat, unter anderem hat er den Urlaub von zwei Jahren für den Besuch der Öko-Akademie verwendet, schildert der 30-Jährige auf dem elterlichen Hof in Kemating. „Im Endeffekt ist es das aber alles wert gewesen ist“, so sein Fazit.

Stefan Rehrl erzählt, dass er sich schon länger Gedanken machte, wie das Ziel der Bayerischen Staatsregierung, bis 2030 dreißig Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch zu bewirtschaften, realisiert werden kann. Weil der Anteil des Ökolandbaus in unserer Region bei knapp zwölf Prozent liegt, sagte er zu sich: „Da müsste doch noch viel mehr getan werden“. Er sei quasi mit dem biologischen Gedanken aufgewachsen, seine Eltern bewirtschaften ihren biozertifizieren Hof im Nebenerwerb und vermarkten das Rindfleisch aus Mutterkuhhaltung selbst. Auch sein Interesse für eine nachhaltige Landwirtschaft ist hoch. In ein paar Jahren möchte der 30-Jährige, ein gelernter Werkzeugmechaniker und bei einem großen Betrieb in Fridolfing angestellt, den Hof voraussichtlich übernehmen. Weil er mit der ökologischen Wirtschaftsweise weitermachen will, beschloss er vor zwei Jahren, eine Ausbildung zum Landwirt draufzusatteln, freilich eine, die in die ökologische Richtung geht.

Der erste Weg führte ihn naheliegender Weise zur Landwirtschaftsschule nach Traunstein, wo er sich auf einer Veranstaltung informierte. Eines der dortigen Angebote ist die „SOLA“, die Südostoberbayerische Landwirtschaftsakademie, wo man, wenn man bereits einen anderen Beruf erlernt hat, in Kursen zwischen Herbst und Sommer des darauffolgenden Jahres den zusätzlichen Berufsabschluss Landwirt erwerben kann. Weil dieses Angebot Stefan Rehrls Vorstellungen nicht entsprach - er wollte sich schließlich zum Öko-Landwirt weiterbilden -, bekam er in Traunstein den Hinweis auf die Akademie für Ökologischen Landbau in Kringell. Das nahe Passau gelegene Fortbildungsinstitut hat den Schwerpunkt auf Tierproduktion gelegt und bereitet die Teilnehmer in mehr als 250 Unterrichtsstunden, verteilt auf zwei Jahre, auf die Leitung eines ökologisch wirtschaftenden landwirtschaftlichen Betriebes oder auf eine Umstellung auf ökologische Wirtschaftsweise vor. Die Teilnehmerzahl ist auf zwanzig Teilnehmer begrenzt.

Wie in Traunstein hätte es auch in Kringell eigentlich eine Wartezeit gegeben, doch der Kematinger hatte Glück, musste keine drei Jahre warten und rutschte über die Warteliste in die Ausbildung, die von Herbst 2018 bis Sommer 2020 dauerte. Ansonsten, betont er, hätte er gewartet, das wäre es ihm wert gewesen. Im Rückblick meint Stefan Rehrl, er würde sich freuen, wenn die Informationen über diese Akademie „leichter hergehen“, wie er es salopp formuliert, dass dieses Angebot, das ihn so begeistert hat, aktiv beworben würde. Auf Nachfrage sagt Martina Heilmann-Huber, eine der Ansprechpartnerinnen für Bildungsfragen am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Traunstein, dass sie, wenn sie bei Gesprächen merke, dass Leute sich für die ökologische Wirtschaftsweise interessieren würden, eigentlich gleich auf Kringell verweise. Denn die Warteliste für Traunstein sei jedes Jahr so lang, dass sie froh sei, wenn sie für alle Bewerber etwas finde und allein schon deshalb Kringell als eine Option empfehle. Allerdings merkt Heilmann-Huber an, dass die Hürden für die jungen Leute sehr hoch seien, sich für die Öko-Akademie zu entscheiden, nicht nur die längere Fortbildungszeit, sondern überhaupt der ganze Aufwand mit Fahrt, Unterbringung und den damit verbundenen Kosten. Und am Ende müssten alle dieselbe Prüfung ablegen wie die konventionellen Landwirte, denn es gebe nur eine „offizielle“ Berufsbezeichnung und die sei „Landwirt“, so Heilmann-Huber.

Stefan Rehrl berichtet, dass in seinem Lehrgang, dem sechsten seit es das Öko-Bildungsprogramm Landwirt (Öko-BiLa) gibt, zu Beginn zwanzig Leute aus ganz Bayern dabei waren, drei Viertel Männer, ein Viertel Frauen. Aus dem Landkreis Traunstein seien es drei Teilnehmer gewesen, aus dem Landkreis Berchtesgadener Land war er der einzige. Letztendlich hätte es nur knapp die Hälfte geschafft, einige stiegen unter der Zeit aus, weil es ihnen zu stressig wurde: kein Urlaub, Lernen in der Freizeit, kaum Zeit für das Privatleben und die Hobbies. Auch Rehrl, der Bassist in der Freilassinger Heavy-Metal-Band „Edge Down“ ist, hat auf einiges verzichten müssen.

Um in Kringell aufgenommen zu werden, braucht man als Voraussetzung vier Jahre Berufserfahrung mit landwirtschaftlicher Praxis oder acht Jahre Berufserfahrung ohne landwirtschaftliche Praxis. Rehrl sagt, dass er seinen Jahresurlaub genommen habe, um die zehn als Wochenblöcke angelegten Module besuchen zu können. Der Arbeitgeber habe mitgespielt, wofür er ihm sehr dankbar sei. Die Teilnehmer sind von Montag bis Freitag im betriebseigenen Internat auf dem 172 ha großen Staatsgut Kringell untergebracht. Die Verpflegung war ausgesprochen gut, so Rehrl, und auch das Miteinander und der Gedankenaustausch am Abend im „Öko-Stüberl“ habe ihm gefallen und viel gebracht.

Neben den Grundlagen für die Pflanzenproduktion, die tierische Produktion mit den Schwerpunkten Öko-Schwein und Öko-Rind, lernte er in den Modulen unter anderem Wissenswertes zur naturnahen Waldwirtschaft und zur Betriebsführung. Die Kurse seien exzellent gewesen, sie hätten nicht nur Unterricht von Fachlehrern bekommen, sondern auch von Praktikern, Experten, Fachreferenten der Ökoverbände und von weiteren erfahrenen Leuten mehr. Daneben gab es Besichtigungen von ökologisch wirtschaftenden Betrieben.

Die praktische und mündliche Prüfung musste Stefan Rehrl in Kringell ablegen, die schriftliche Prüfung in Passau. Er merkt an, dass es nur ein paar Fragen zur ökologischen Landwirtschaft gegeben habe, da es dieselbe Prüfung war wie für die Lehrlinge der konventionellen Landwirtschaft. Für einzelne Module hat er Zertifikate bekommen, auf denen der Schwerpunkt „Ökologisch“ vermerkt ist, auf dem Zeugnis steht „Landwirt“. Insofern sei es wohl so, dass man die Ausbildung in erster Linie für sich selbst macht, resümiert der Kematinger, was für ihn absolut passt, wie er betont. Nicht verstehen kann er allerdings, warum es in unserer Region keine Schule gebe, die sich auf die Öko-Richtung spezialisiert. „Das würde doch nur dem Zeitgeist gerecht und außerdem könnte so vielleicht manche Schulschließung vermieden werden“, denkt Rehrl laut nach.

Das nächste Fortbildungsprogramm in Kringell wurde Corona bedingt in zwei Kurse aufgeteilt, außerdem wurde der Start um ein halbes Jahr verschoben: So beginnt die erste Hälfte im März ’21 und die zweite Hälfte im Oktober ’21. Außerdem wurde mitgeteilt, dass die Kurse zwar voll seien, die Warteliste jedoch noch kurz ist.

Das Staatsgut Kringell (94116 Hutthurm, Tel. 08505/91810) besteht aus einem Bildungs- und Versuchszentrum, in dem Seminare und Lehrgänge zur Aus-, Fort- und Weiterbildung angeboten werden, sowie der Akademie für Ökologischen Landbau, deren Schwerpunkt die ökologische Tierhaltung ist. Infos bekommt man über die Internetseite des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Traunstein (http://www.aelf-ts.bayern.de) unter dem Stichwort „Landwirtschaft“ – „Ökologischer Landbau“. Dort wird man unter „Berufsbildung“ über die Öko-Akademien in Kringell und Bamberg sowie die Öko-Fachschulen in Landshut und Weilheim informiert.

Artikel von Karin Kleinert, Südostbayerische Rundschau vom 20.10.2020

04.11.2020

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