Produktion und Ökologie sollen Hand in Hand gehen

14.04.2018

Projekt: Gemeinsame Projekte in der Landwirtschaft

Rückstetten. Ist es möglich, in einer modernen, produktiven Milchwirtschaft auch Rücksicht auf Natur und Umwelt zu nehmen? Dieser Frage gingen mehrere Experten auf Einladung des Landwirtschaftsamtes (AELF) Traunstein und der Ökomodellregion Waginger See-Rupertiwinkel, im Gasthof Helminger in Rückstetten nach. Als Referenten begrüßen konnte der Moderator der Veranstaltung, der Leiter des AELF, Alfons Leitenbacher, Peter Dufter vom Fachzentrum Rinderhaltung AELF Traunstein, Dr. Andreas Bohner von der höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt Raumberg-Gumpenstein und Rupert Brandmayer und Kathrin Geiger, Seenberater des AELF Traunstein. Mit ihren Berichten als Praktiker waren Dominik Summerer, Milchviehhalter aus Riedering und Hans Empl, Biomilchviehhalter aus Trostberg zur Stelle.

Am Nachmittag erläuterten Stefan Weiß vom AELF Traunstein und Alois Lohwieser, warum Grünlandpflege eine Daueraufgabe ist, ein Thema, über das Lohwieser auf seinem Hof in Rückstetten noch eine Anschauungslektion gab. Den Abschluss der Tagung machte Hans Zenz, Bereichsleiter Landwirtschaft beim AELF Traunstein, mit einer Zusammenfassung des Gehörten und Gesehenen.

Als interessierte Teilnehmer waren neben vielen Milchviehhaltern auch Vertreter von mit der Landwirtschaft verbundenen Ämtern und Verbänden, wie dem WWA (Wasserwirtschaftsamt), dem BBV (Bayerischer Bauernverband), BN (Bund Naturschutz), ANL (Akademie für Naturschutz- und Landschaftspflege), dem Maschinenring, der LfL (Landesanstalt für Landwirtschaft) und mehr gekommen. Zur Hand war natürlich auch die Co-Organisatorin der Tagung, die Projektleiterin der Ökomodellregion, Marlene Berger-Stöckl. Die Politik war durch Michael Nowak von der Regierung von Oberbayern und Bernhard Kern, 1. Bürgermeister von Saaldorf-Surheim vertreten.

In seiner Einführung fragte Leitenbacher; „Milchwirtschaft im Einklang mit Gewässer- und Artenschutz – geht das?“. Er gab auch gleich die Antwort darauf, er denke das sei möglich, wenn bei der Bewirtschaftung von Grünland die standörtlichen Gegebenheiten berücksichtigt würden. Auf diese Weise könne nicht nur qualitativ hochwertige Milch erzeugt werden, sondern auch Natur und Umwelt profitieren. Eine „Win-win Situation“, wie Leitenbacher meinte. Gute Grünlandbewirtschaftung sei zudem kein Selbstzweck, durch sie würde nämlich eine gute Verbindung und Akzeptanz zwischen Landwirtschaft und der Öffentlichkeit hergestellt und das Image der Landwirtschaft deutlich verbessert.

Peter Dufter stimmte dem bei. Grundvoraussetzung, um im Alpenvorland wirtschaftlich und in der dazu erforderlichen Menge Milch zu erzeugen sei, die Kühe mit bestem, eiweißreichem Wiesenschnitt zu versorgen. Gute, nährstoffreiche, wenn möglich ebene, tiefgründige und gut belüftete Böden seien eine ideale Voraussetzung dafür. Um das zu erreichen und zu erhalten brauche es bedarfsgerechte Düngung, standortangepasste Schnittfrequenz und einen natürlichen und optimalen Pflanzenbestand.

Abstriche in Hinsicht auf das Futter von „Trockenstehern“ könnten aber mit einer differenzierten Schnittfrequenz und Bewirtschaftungsintensität gemacht werden. Das biete, durch die niedrigeren Kaligehalte in der Silage (bzw. im Heu) zudem Vorteile für eine „Milchfieber-Prophylaxe“. Dazu eignen sich auch ungünstig geformte Flächen an Hanglagen, die später und weniger häufig gemäht werden sollten und dementsprechend nicht so viel Dünger erforderten. Dadurch könnten sich dort artenreiche, dem Gelände angepasste Pflanzenbestände entwickeln. Überhaupt meinte Dufter, es sollte darauf geachtet werden, importiertes Kraftfutter zu reduzieren und auf eigene Bestände und Möglichkeiten zurückzugreifen.

Dufter ermutigte die Bauern abschließend, das damit empfohlene Konzept der differenzierten Grünlandnutzung selbst zu probieren und zu experimentieren, wie ihr Grünland am besten genutzt und die besten Resultate erzielt werden können. Dufter betonte, Ziel einer guten Grünlandnutzung sei es, die wirtschaftliche und arbeitswirtschaftliche Situation der bäuerlichen Milchwirtschaft, Lebensqualität, Ökologie, Biodiversität und Tierwohl unter einen Hut zu bringen.

Dr. Bohnert hieb in dieselbe Kerbe, indem er sagte, das Ertragspotenzial von Grünland hänge entscheidend von Lage und Klima ab. „Böden unterscheiden sich in ihrer Fruchtbarkeit abhängig vom Ausgangsgestein, Klima und Geländeform“. Böden mit hohem Ertragspotenzial eigneten sich vorrangig für intensive Grünlandbewirtschaftung, denn sie böten nutzbaren Futtergräsern gute Wachstumsbedingungen. Dagegen seien Böden mit niedrigem Ertragspotenzial optimal für Naturschutzflächen. Diese Böden würden durch hohe Nutzungsintensität allmählich degradiert und es breiteten sich „Problempflanzen“ darauf aus. Erträge und die Qualität der Futterpflanzen verschlechterten sich und es können Probleme hinsichtlich des Grund- und Oberflächenwassers und der Luft entstehen. Wie sein Vorredner betonte auch Dr. Bohner, die Grünlandbewirtschaftung für die landwirtschaftliche Nutzung solle unbedingt standortangepasst und naturverträglich sein.

Stefan Weiß, vom AELF Traunstein, ermahnte dazu, Grünlandpflege als Dauerauftrag zu begreifen. Schon bei alltäglichen Dingen, wie dem Vermeiden des Befahrens von Wiesen bei Nässe, dem korrekten Einstellen von Erntemaschinen und dem Vermeiden von Narbenverletzungen könne dazu beigetragen werden. Ein weiterer Faktor in der Grünlandpflege sei die kontinuierliche Analysierung der Zusammensetzung des Bewuchses und seiner Dichte. Durch eine angepasste Nutzungsintensität und Düngung, eine frühzeitige Über- oder Nachsaat bei Lückenbildungen, ließen sich die Ertragsfähigkeit steigern, sowie größere Sanierungsmaßnahmen und der Gebrauch von Totalherbiziden vermeiden.

Die Seenberater vom AELF Traunstein, Kathrin Geiger und Robert Brandmayer, betonten, jeder Bauer müsse über den Nährstoffanfall und die Zu- und Abgänge von Nährstoffen auf seinem Betrieb Bescheid wissen. Dazu bedürfe es der „Hoftor Bilanz“, in der alle Nährstoffströme des Hofes erfasst würden. Dünger dürfe nur ausgebracht werden, wenn Böden wirklich aufnahmefähig seien. Organische Düngerausbringungen vor zu erwartendem Starkregen seien unbedingt zu vermeiden, besonders auf drainierten Flächen.

Gülleausbringungen, insbesondere auf Höfen mit hohem Nährstoffanfall, müssten genau geplant und auf ein differenziertes Vorgehen geachtet werden. Dabei sei auf eine flächendeckende und entzugsorientierte Verteilung zu achten. Akkurate Bodenuntersuchungen seien hierfür ein wichtiges Instrument, durch die der Bauer besonders austragsgefährdete Flächen erkennen und sie dementsprechend sensibel bewirtschaften könne. Um Gewässer ausreichend von Nährstoffeinträgen zu schützen, müsse jegliche Bodenerosion verhindert werden. Hilfreich dabei seien der konsequente Anbau von Zwischenfrüchten, oder Mulchsaat ohne Bodenumbruch.
Die beiden Landwirte Hans Empl und Dominik Summerer berichteten anschließend sehr anschaulich, teilweise untermalt mit Statistiken von ihren Höfen, über ihre durchwegs guten Erfahrungen mit der differenzierten Grünlandnutzung. In den Diskussionen zwischen den Vorträgen machten mehrere Landwirte auf spezifische Probleme aufmerksam, die sie auf ihren Wiesen hatten.

Auf dem Hof des früheren Pflanzenbauberaters Alois Lohwieser zeigte dieser, wie er, ohne den Einsatz von Glyphosat, durch intensives Striegeln und Nachsaat eine Wiese erfolgreich saniert hatte. Unmittelbar daneben konnten die Tagungsteilnehmer eine extensiv bewirtschaftete Wiese, mit 45 verschiedenen Arten an Gräsern, als sichtbaren Beleg besichtigen, dass Intensivgrünland und artenreiche Wiesen nebeneinander existieren können. In seinem Schlusswort sagte Hans Zenz, die Tagung habe sicher gezeigt, es gebe Möglichkeiten, durch intelligentes Wirtschaften und Grünlandnutzung eine gute Vereinbarkeit zwischen einer erstklassigen Milchwirtschaft und Ökologie, Natur- und Wasserschutz zu erreichen. Auch Moderator Alfons Leitenbacher und Marlene Berger-Stöckl zeigten sich zufrieden mit der Teilnahme und dem Interesse der mit der Landwirtschaft verbundenen Organisationen und meinten, die Tagung habe sicher auch Bauern einen Ansporn gegeben, sich näher mit den dabei behandelten Themen zu befassen.

Artikel von Alois Albrecht in der SOR vom 19.4.2018