Jörg Ruckdeschel

Vom Banker zum bioregionalen Jugendherbergsvater

Jörg Ruckdeschel - Leiter der Jugendherberge in Wunsiedel
© Klaus Schaumberg

Der Mief von Pupertieren, laut schreiende Kohorten und vor allem billiges Essen ohne Geschmack - das sind häufige Assoziation von Erwachsenen, wenn sie an ihre Aufenthalte in Jugendherbergen aus ihrer Schulzeit denken.
Aber weit gefehlt! Jugendherbergen können Trendsetter sein, wenn es um möglichst biologische und regionale Versorgung mit Lebensmitteln geht. Jörg Ruckdeschel - Leiter der Jugendherberge in Wunsiedel - macht es vor:

Er ist, als Führungskraft in einer Genossenschaftsbank, ein erfolgreicher Banker und geschickt im Vernetzen – ein lockerer, sympathischer Ansprechpartner. Jörg Ruckdeschel kann mit seiner bisherigen Karriere eigentlich zufrieden sein. Doch ist Erfolg in einem einmal eingeschlagenen beruflichen Weg alles? Ruckdeschel braucht eine neue Herausforderung – und denkt komplett um. Als vor vier Jahren die Leitung der örtlichen Jugendherberge vakant ist, weil die bisherigen Herbergseltern in den Ruhestand gehen, entschließt er sich zu einem kompletten Wechsel.
Sein Studium zum Bankbetriebswirt Management lässt ihn dabei umsichtig handeln. Nie verliert er die Zahlen aus den Augen und beginnt vorsichtig, das knapp 25 Jahre alte Haus zu modernisieren.
Ein Architekt nimmt sich des Ortes an – aber nicht mit einem teuren Umbauplan, sondern mit kleinen Maßnahmen, die Schritt für Schritt große Wirkung entfalten und dem Anwesen ein neues, zeitgemäß freundliches Ambiente geben. Doch nicht nur im Äußeren ändert sich die Herberge.
Jörg Ruckdeschel weiß, dass er nicht nur als Herbergsvater, sondern auch als kulinarischer Gastgeber gefragt ist. Und da er schon immer ein Faible für regionale Wertschöpfungsketten hat, ist ihm klar: Das gelingt am besten, wenn er die benötigten Lebensmittel soweit möglich regional einkauft.
Mit dem Bio-Hof Köllner vereinbart er die regelmäßige Abnahme von Milch, weshalb der Hof der Jugendherberge eine eigene Milchabfüllung anbietet. Andere Gemeinschaftsverpflegungen und Erzeuger ziehen nach und die Möglichkeit, Biomilch aus der Region zu beziehen steigt. Die Wurst und das Fleisch stammt von der Metzgerei Ruckdeschel, weil Ihm hier das regionale Konzept und die Transparenz überzeugt. Der Bio-Honig Lieferant wurde von der Öko-Modellregion vermittelt. Elf regionale Lieferanten sind es mittlerweile, die einen Großteil der Produkte liefern. Das Essen in der Jugendherberge ist etwa einen Euro teurer geworden – aber die Qualität stimmt und es wird gerne bezahlt. Geplant ist demnächst sogar, neben dem schon bestehenden Veggie-Day, die Einführung eines Bio-Days. Dass die Rechnung aufgeht, verdankt der BWLer natürlich auch seinem unternehmerischen Geschick. Mehr Qualität und Regionalität, das wäre für alle Gastronomen möglich, wenn sie ihren Umsatz analysieren und daraus lernen würden. Da ist sich Jörg Ruckdeschel sicher. Und – wer rechnen kann wie er, ist klar im Vorteil. Da bleiben dann auch die Kosten im Rahmen.
Und: die Botschaft "Kauft regional und schätzt, was wir hier haben", kommt an. Der Lohn der Mühe: Die Jugendherberge Wunsiedel war im Jahr 2019 eine der erfolgreichsten Landjugendherbergen Bayerns. Der frische Wind, die gute Leistung und Qualität sprechen sich herum und die Jugendherberge ist ständig ausgebucht, von Schulklassen und Gruppen teils zwei Jahre im Voraus.
Dann kam die Corona-Pandemie. Am 18. März musste die Herberge schließen. „Am meisten hat mir weh getan, dass nun auch meine regionalen Lieferanten einen Großabnehmer weniger hatten.“ Der Verband war in seiner Liquidität gefährdet, wenn der Staat nicht erste Hilfen zugesichert hätte. „Alles andere ergibt auch keinen Sinn. Denn wenn diese mühsam, in 111 Jahren aufgebauten Strukturen erst einmal zerstört sind, kostet es ungleich mehr, sie wiederaufzubauen.“
„Trotz der Krise werden wir an unserem Qualitätskonzept festhalten“, versichert Jörg Ruckdeschel. Mitten in der Pandemie startete er die Zusammenarbeit mit dem Biohof Ritter aus Marktleuthen, der nun die regionalen Bio-Eier liefert. Rechtzeitig zu Pfingsten durfte die Herberge wieder ihre Tore öffnen. Durch das notwendige Sicherheits- und Hygienekonzept können zwar nur zwei Drittel der Plätze belegt werden, wenn überhaupt. Wirklich rechnen kann sich das noch nicht, aber es ist ein hoffnungsvoller Anfang nach den ganzen Beschränkungen.

https://wunsiedel.jugendherberge.de/jugendherbergen/wunsiedel-280/portraet/

Region: Siebenstern